Auf dem E5 über die Alpen. Teil 3

Ein ehrlicher Bericht von Höhen und Tiefen geht weiter.

Etappe 4 – Württemberger Haus – Zams (11,2 km – 1453 mH – ca. 5 Std.)

Nach einer vergleichsweise ruhigen Nacht in unserer, ja, nennen wir es einfach mal „Suite“, geht es direkt nach dem Hüttenfrühstück (ja, aufmerksame Leser kennen es bereits: Graubrot, Marmelade und Kaffee) wieder los nach Zams. Die Etappe soll uns über 1400 Höhenmeter auf einem nicht enden wollenden Pfad in Richtung Tal bringen.

Alpensalamander kurz unterhalb des Württemberger Hauses

Unsere erste Bekanntschaft machen wir mit zahlreichen Alpensalamandern, die noch völlig regungslos von der nächtlichen Kältestarre auf dem Pfad auf die ersten Sonnenstrahlen warten. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie diese kleinen Gummimännchen, die man gegen die Wand wirft und Ihnen beim herunterklettern zusehen kann. Später sollen wir noch erfahren, dass diese kleinen putzigen Tierchen ein giftiges Sekret bei Gefahr über die Haut ausscheiden. Wir sind also froh, dass wir sie nicht angefasst haben! Das solltet ihr auch nicht! Generell sollte man die Natur einfach nur Natur sein lassen, egal wie verlockend es manchmal auch ist!

So langsam kommen wir auch in unseren Tagesablauf. Man weiß mittlerweile, wie man mit steilen Stücken bergauf und bergab umgehen muss. Fast so als hätten wir jahrelang nichts anderes gemacht. Der Weg führt uns steil bergab an Wasserfällen vorbei und lässt uns ein ums andere Mal stoppen und innehalten. Sicherlich ist diese Reise auch eine Reise zu sich selbst. Auch wenn man das immer vorher nur gelesen hat und sich
dachte, dass es doch nur eine Wanderung sei.
Wir sind trotzdem einen Großteil des Tages mit uns alleine und haben Zeit, nachzudenken und Zeit, den Einklang mit der Natur zu genießen. Hier oben gibt es keine Hektik, außer den morgendlichen Kampf mit den anderen Wanderern um Frühstück und Waschraum.

Wasserfall unterhalb der Hütte

Je weiter wir den Berg wieder hinabsteigen, desto grüner wird die Landschaft. Ein totaler Kontrast zu der Mondlandschaft von gestern bei der Überquerung des Jochs. Grüne, saftige Wiesen und teilweise Abschnitte, die eher eine Anmutung von Märchenwäldern haben, zieren den Weg. All das lenkt uns aber nicht gerade davon ab, dass wir hier jetzt 6 Stunden am Stück nur bergab wandern. Hinzu kommt die fiese optische Täuschung, die uns am Horizont mal wieder unser Ziel bereits früh zeigt. Es kommt aber einfach nicht näher. Ich kann das Gefühl nun verstehen, das im Reiseführer beschrieben wurde. Diese Etappe sollte nicht so schön und anstrengend sein. Aber egal! Wir freuen uns natürlich auch schon auf unser Hotelzimmer. Denn heute ist wieder Tal-Tag! Das heißt, dass wir wieder den Luxus einer warmen Dusche und eines frisch bezogenen Doppelbettes genießen dürfen.

An vielen Ecken auf dem Weg ins Tal kommen wir an kleinen Häuschen und Gedenkstätten vorbei. Sie erzählen von vielen Wanderern, die hier scheinbar nicht nur ihre spirituelle Erfüllung gesucht, sondern auch ihren Seelenfrieden gefunden haben. Sie mahnen vor Steinschlag und Abrutschen in die Tiefe. Wir nehmen dies alles am Rande wahr und schärfen unsere Sinne und sammeln unsere Kräfte. Entmutigen lassen wir uns davon nicht!

Schließlich erkennen wir nach der nächsten Kurve unser Hotel in weiter Ferne. Das muss es wohl sein! Es kann nun nicht mehr weit sein, denken wir. Wir laufen aber trotzdem noch etwa 2 Stunden, bis wir endlich da sind. Es ist mittlerweile wieder brütend heiß, und wir sind froh, endlich am Hotel
(Hotel Restaurant Thurner) anzukommen. Wer aber nun ein österreichisches Landhotel erwartet, wird hier enttäuscht. Das etwas in die Jahre gekommene Hotel wird von einer Familie Chinesen geführt. In dessen China-Restaurant, das zum Hotel gehört, stärken wir uns am All-you-can-eat-Buffet für 8 Euro. Da kann nun wirklich keiner mehr meckern! Selbst der Deutsche nicht! Das Hotel an sich hat sicher schon bessere Zeiten gesehen. Aber nach einer solchen Etappe ist man froh über ein Bett und etwas Privatsphäre.
Im Supermarkt im Ort holen wir uns noch etwas für das Abendessen (Tüte Chips, Almdudler und Baguette mit Hüttenkäse) auf dem Balkon. Was für ein Leben!

Etappe 5 – Zams – Wenns (17,9 km – ca. 3000 mH – ca. 4 Std.)

Gratwanderung auf dem Venet

Gut gestärkt nach einem üppigen Frühstück im selben China-Restaurant wie gestern mittag, lassen wir den Zimmerschlüssel einfach an der Rezeption zurück. Selbst Schuld, wenn keiner auf unser Klingeln reagiert. Ich muss heute meine Motivation im Keller suchen gehen. Körperlich ist soweit alles in Ordnung, aber es ist auch der fünfte anstrengende Wandertag hintereinander. Wer sich nun denkt: „Boah, leckomio! 3000 mH in 4 Stunden!“. Ganz ruhig…! Wir fahren mit der Venet-Bahn zunächst etwa 1500 Meter gen Himmel. Man kann natürlich so krass sein und den Anstieg auch noch mitnehmen. Wir sind aber nicht krass. Wir sind noch krasser und fahren hoch!

In der Bahnkabine geben sich morgens um halb 9, ein Kölner und ein Schwabe ein regelrechtes Witzefeuerwerk vom Allerfeinsten.
Wer scheinbar nur einmal im Jahr vor die Tür kommt, freut sich halt anders als wir (Ich möchte mich schon jetzt hiermit in aller Form bei allen Schwaben und Kölnern entschuldigen! Ich bin selbst in Schwaben geboren und habe mehrere Jahre im Herzen von Köln gewohnt. Aber kommt…echt jetzt! Nicht so früh am Morgen!).

Nach den ersten steilen Metern beginnt die Gratwanderung. Es ist ein schönes Gefühl, 360° um sich herum nichts als Gipfel zu sehen. Das Wissen, dass links und rechts Abgrund ist, wandert aber mit. Ich habe es mir allerdings wesentlich brisanter vorgestellt. So folgen wir einem breiteren Pfad als gedacht. Einige Gipfelkreuze lassen wir hinter uns und schrauben uns den Berg Meter für Meter wieder hinunter. Wir hören von anderen Wanderern, einem jungen Paar in den Flitterwochen, dass es auf der Galfunalm den besten Kaiserschmarrn geben soll. Jedoch entscheiden wir uns gegen einen Halt an der Alm, da dieser einen weiteren Anstieg bedeuten würde. Wir gehen also weiter und warten auf die nächste Einkehrmöglichkeit, die bereits wenige Minuten von hier entfernt sein soll. Wieder überholen uns zahlreiche Wanderer, die wir auf unserem Weg bereits mehrmals getroffen haben, um dann wieder von uns überholt zu werden. Man grüßt sich und geht für gewöhnlich wieder getrennte Wege.

Wir erreichen bei über 30 °C schließlich die Larcher Alm. Hier schließen wir uns aus sitzplatztechnischen Gründen dem jungen Pärchen in den Flitterwochen an. Wir bestellen uns eine Brettljause, eine Buttermilch und eine liebgewonnene Holunderschorle.
Die Sonne brutzelt uns die Pelle regelrecht vom Gesicht. Vielleicht sollten wir unsere Dosis Sonnenschutz erhöhen! Die kleine Brotzeit besteht aus Käse, Brot, Salami und zweierlei Schinken. Besonders der Tiroler Speck hat es uns angetan. Einfach fantastisch!
Nach der Stärkung brechen wir wieder auf und gehen wieder alleine weiter. Unsere Knie beginnen zu schmerzen, und unsere Kräfte gesellen sich zur Motivation in den Keller. An dieser Stelle möchte ich euch auch nochmal sogenannte „Einmal-Eispacks“ empfehlen! Die wiegen nicht viel und wirken sehr gut bei einem schmerzenden Knie oder umgeknickten Fuß! Einfach die Blase im Tütchen zerdrücken, schütteln und aufatmen!

Wir passieren zahlreiche Felder und geteerte Straßen, bis wir schließlich endlich in Wenns ankommen.

In Wenns angekommen machen wir kurzen Halt in einem Sparmarkt. Ich weiß nicht, wieso, aber ich habe unendlich Durst auf eine kalte Milch. Das scheint der geniale Moment zu sein für mein jährliches Glas Milch. Wir setzen uns im Hotel auf die Terrasse und genießen unseren Bergblick. Die kalte Vollmilch im Tetra-Pack lasse ich mir schmecken und sinke tiefer in meinen Stuhl. Wir freuen uns schon jetzt auf unser 3-Gänge-Menü am Abend. Was es genau geben soll, haben wir nicht so ganz verstanden, ist uns aber im selben Moment auch wieder scheißegal. Hauptsache wir bekommen etwas zu essen. Ein weiteres Mal waschen wir unsere Wäsche im Waschbecken und hängen sie auf der Terrasse zum Trocknen auf. Ich kann jedem nur empfehlen sich eine Tube Reisewaschmittel mitzunehmen. Es wiegt nicht viel und man weiß ein sauberes Shirt nach dem Duschen definitiv zu schätzen. Auch wenn es vielleicht nur nicht mehr nach Schweiß riecht! Außerdem kann man so eine Garnitur Klamotten zu Hause lassen!

Am Abend ist es schließlich so weit und wir machen uns nach einer kleinen Runde durch das Dorf zum Abendessen auf. Wir starten mit einem gemischten Salat mit leckerem Dressing. Das ist schon mal gutgegangen! Weiter geht es mit der Hauptspeise. Diese stellt sich als mittelschweres Fiasko heraus. Eigentlich ist das kleine Schweineschnitzelchen auf Spaghetti mit Tomatensoße ebenso lecker wie der Salat. Nachdem Jenny jedoch das erste Haar aus der Panierung des Fleisches zieht, vergeht mir ein wenig der Appetit. Gut jetzt konzentrier dich! Reiß dich zusammen, das kann mal passieren, denke ich und esse dennoch weiter. Dann geht es aber Schlag auf Schlag. Haare Nummer 2 und 3 ziehe ich angewidert aus meinem Schnitzelchen. Ich habe allerdings dermaßen Hunger, dass ich die beiden Kumpel einfach ignoriere. Wie groß mag schon die Wahrscheinlichkeit sein, dass sich noch weitere Haare im Essen verstecken. No risk, no fun! Das Dessert ist letztendlich auch wieder sehr lecker.

Am nächsten Tag wird es dann erst mit dem Bus eine halbe Stunde nach Mittelberg gehen und von dort aus dann hoch zur Braunschweiger Hütte! Doch bis dahin: ES IST TAL-TAAAAAAG!

Hier geht es zu Teil 4

3 Gedanken zu “Auf dem E5 über die Alpen. Teil 3

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