Auf dem E5 über die Alpen. Teil 1

Ein ehrlicher Bericht von Höhen und Tiefen.

Es ist soweit. Lange Wochen, sogar Monate der Vorbereitung sind vorüber und wir starten endlich zu unserem Vorhaben der Alpenüberquerung auf dem Fernwanderweg E5. Wieso macht man das nun? Etwa 150 km mit gesamt ca. 16.000 Höhenmetern (hoch und runter gesamt) und etwa 10 kg auf dem Buckel, in 10 Tagen. Ist es die oft beschriebene Reise zu sich selbst? Kehrt man als anderer Mensch wieder? Als ein spiritueller und zufriedener Mensch? Wie kommt man dazu? All das gilt es in den nächsten Zeilen nachzulesen. So viel sei vorab gesagt: Ja, es ist anstrengend! Ja, ich rate davon ab, wenn man sich gefühlt auf einer handelsüblichen Leiter bereits in schwindelerregende Höhen begibt. Wandern sollte man auch lieben und eine gewisse Grundkondition mitbringen! Und verdammt! Ja, es ist die ganzen Strapazen wert und Ich würde es definitiv wieder machen! Aber lest selbst!

Etappe 0 – Auf nach Oberstdorf!

Bevor es losgeht Richtung Süden, checke ich noch ein letztes Mal meinen
körperlichen Zustand. Ich stelle mich auf die Waage und sehe auf dem Display athletische 76,35 kg. Ich würde von mir selbst behaupten, dass ich nicht das Model „Ich-gehe-3-Mal-die-Woche-Joggen“ bediene, aber so eine Wanderung traue ich mir schon zu. Trotzdem stellen sich mir Fragen wie: Werde ich nach den 10 Tagen, 10 Etappen und etwa 150 km völlig abgemagert und entkräftet wiederkommen? Werde ich überhaupt wiederkommen? Man hört ja öfter von verunglückten, übermütigen Wanderern, die sich auf solch einer Tour komplett überschätzen. Ach, Bullshit! Wir werden das schon rocken und am Ende stolz auf uns sein!

Mein Schwiegervater bringt uns freundlicherweise zum Bahnhof nach Köln, da mal wieder die Züge wegen einer Baustelle nicht fahren. An dieser Stelle nochmal ein ganz großes Dankeschön an die Deutsche Bahn, die uns auch heute mal wieder im Stich lässt. Wieder schießen mir Gedanken zweifelhafter und aufgeregter Natur durch den Kopf. So eine Tour haben wir noch nie gemacht. Zwar haben wir Wochen vorher mit dem Siegsteig geübt, aber ob man das auch nur annähernd vergleichen kann? Wir wissen es wohl beide nicht. Außerdem überwiegt noch die Aufregung und Vorfreude auf eine schöne, gemütliche und trotzdem actionreiche Reise mit vielen Gelegenheiten für schöne Fotos.

Wir werden also die nächsten 10 Tage ohne Unterbrechung auf dem Weg sein. Man kann die Route wohl auch in nur 6 Tagen abreißen. Das machen wir aber nicht, da wir den Weg auch etwas genießen wollen und nicht jeden Tag 10 Stunden unterwegs sein wollen. Außerdem kenne ich mich. Etwa 2 Stunden kann man da schon im Voraus von der Gehzeit draufrechnen für Fotos.
Bevor wir mit der eigentlichen Route beginnen, werden wir noch einen Tag in Oberstdorf verbringen und uns das Nebelhorn aus nächster Nähe anschauen. Einen Tag später starten wir dann zur ersten Etappe über die Spielmannsau zur Kemptner Hütte.

Etappe 1 – Oberstdorf – Kemptner Hütte (15,6 km – 1033 mH – ca. 6 Std.)

Kemptner Hütte | Foto: Ingmar Stehno

Es geht also nun endlich los! Wir starten voller Vorfreude und Motivation an unserem Hotel in Oberstdorf. Üblicher Weise starten die ganzen Bergschulen mit ihren Alpenüberquerungen direkt in der Spielmannsau. Wir aber lassen es uns nicht nehmen, auch die 8 km bis dort hin zu erwandern. Ansonsten empfielt es sich bis dort einen Bus zu nehmen, da der Weg sich sehr in die Länge zieht. Das kann ich nun aus Erfahrung sagen! Kurz hinter der Spielmannsau machen wir deshalb eine erste kleine Rast in der Alpe Oberau. Hier hatte ich mein erstes Date mit einer Holundersaftschorle. Ich habe mich sofort in das sogenannte „HoSchi“ verliebt und werde davon noch so manchen Liter in mich reinschütten. Auch die belegten Brote kann ich hier wärmstens empfehlen!

Nach einem guten Stück im offenen Tal beginnt dann der eigentliche Anstieg zur Kemptner Hütte. Lasst euch eines gesagt sein: Fangt langsam an! Werft nicht sofort alle Kohlen ins Feuer! Geht langsamen, steten Schrittes! All das beherzigen wir natürlich erst ab Etappe 2. Also jagen wir die ersten paar hundert Meter den Berg hinauf. Ein großer Fehler, wie sich schon nach etwa einer Stunde zeigt! Uns geht relativ schnell die Puste aus. Dass wir Ende Juli bei etwa 35 °C Hitze wandern, kommt erschwerend hinzu! Auch wenn wir zuvor auf dem Siegsteig (Im Schnitt ca. 300 Hm pro Etappe) mit voll beladenem Rucksack geprobt haben, bringt mich mein Rücken bereits um! Also nehmt euch lieber die Zeit und macht viele kurze Pausen und lasst euch vor allem nicht dadurch beirren, dass ihr oft von anderen Wanderern überholt werdet. Das wird sowieso noch x-mal passieren auf der Tour. Wir haben nicht nur einmal erlebt, dass Wanderer an der jeweiligen Hütte dann von einem Heli abgeholt werden mussten, da sie sich scheinbar überschätzt haben.

Dennoch ist der Weg traumhaft schön und führt an einigen Bächen, Alpenkräuterwiesen und Resten von Schneefeldern vorbei. An besagten Bächen lassen sich auch unsere Wasservorräte auffüllen. Schon jetzt hat sich unsere Trinkblase (Source Wasserbehälter Widepack) bezahltgemacht! Es ist meiner Meinung nach wesentlich praktischer als eine normale Thermoflasche oder sonstiges. Die Trinkblase ist im Rucksack verstaut und über einen Schlauch, den ihr vorne am Rucksackriemen befestigt, könnt ihr dann während ihr lauft permanent kleine Schlucke trinken. Das ist effektiver als einmal pro Stunde den Rucksack abzusetzen und dann einen halben Liter auf einmal zu kippen.

Schließlich erreichen wir dann die Kemptner Hütte und merken, dass es definitiv mehr als Ratsam ist, dort vorher seinen Schlafplatz zu reservieren! Und damit meine ich nicht, dass man einen oder zwei Monate vor Beginn guckt, ob denn nicht noch etwas frei wäre. Die Hütte ist bereits bei unserer Ankunft gegen 13 Uhr brechend voll! Wir haben ein halbes Jahr im Voraus reserviert und nur noch Plätze im Mehrbettzimmer (30 Schlafplätze in einem Raum) bekommen. Man kann jedoch auch Glück haben und vor Ort sind noch Plätze frei, da Bergschulen meist im Voraus viele Plätze blockieren und erst vor Ort dann nicht genutzte Plätze freigeben. Verlassen würde ich mich darauf jedoch nicht!

Schlafplätze im Mehrbettzimmer, Modell: Pferdebox | Foto: Ingmar Stehno

Ansonsten ist die Hütte sauber und wir sind froh, sie endlich erreicht zu haben! Es empfielt sich auch direkt nach Ankunft duschen zu gehen. Es gibt im Waschraum nur eine einzige Dusche für alle und die Wahrscheinlichkeit, dass diese belegt ist, steigt von Minute zu Minute. Duschmarken gibt es an der Rezeption im Gastraum für 2 Euro (Achtung!: Auf Berghütten wird meist nur Bargeld genommen!). Nach dem ehrolsamen Nass machen wir uns hinter der Hütte noch auf Murmeltierjagd. Diese sollen hier zahlreich für Fotos zu haben sein. Man sollte da jedoch nicht unbedingt mit einer Gruppe von 20 Mann umherstreichen. Die Tiere sind nun mal scheu, aber es gibt sie dort tatsächlich! Aber auch ohne Murmeltier-Glück bietet sich das Alpenpanorama für ein paar Fotos an.

Ein paar Runden Mau-Mau mit unserer Hüttenbekanntschaft später, geht es dann an der Rezeption ans Bezahlen und dann in unsere Pferdebox (so nenne ich unser Schlafgemach einfach mal aus optischen Gründen). Wer nun denkt, dass eine romantische Hüttennacht auf ihn wartet, der liegt leider komplett falsch. Wie es in den wenigen 4-Bett-Zimmern ist, weiß ich nicht. Auf unserem Dachbodenzimmer ist es mittlerweile noch nicht bedeutend kühler geworden. Im Gegenteil! Es ist trotz geöffnetem Fenster kochend heiß hier oben! Schließlich liegt man aber auch mit den anderen Wanderern Schulter an Schulter in der Box. Diese nehmen leider zum Teil keine Rücksicht auf Schlafsuchende und kommen besoffen ins Bett und haben dabei eben noch ihren Spaß. Wirklich Ruhe kehrt da eigentlich nicht ein. Wer da einen eher leichten Schlaf hat, darf sich dann noch mit den jeweiligen Körperausdünstungen rumschlagen. Mir zischen etliche Fürze um die Nase, die leider in der stickigen Hitze über meinem Kopf stehenbleiben. Die sich abwechselnden Schnarchkonzerte sind da eher das kleinere Übel. Lasst am besten auch keine Wertsachen in euren Rucksäcken! Unserem Schlafnachbarn wurde die Powerbank geklaut. Nicht wertvoll, aber trotzdem ärgerlich. ABER! Ich will es definitiv keinem madig machen! Das gehört nun mal alles bei einer Hüttenwanderung dazu!

Etappe 2 – Kemptner Hütte – Madau (10,4 km – 540 mH – ca. 4,5 Std.)

Madau, Berggasthof Hermine (1308 mH) | Foto: Ingmar Stehno

Nach unruhiger Nacht starten wir am frühen Morgen zur zweiten Etappe nach Madau über das Höhenbachtal und die zeitweise längste Hängebrücke Österreichs. Nach einem kurzen Hüttenfrühstück (Graubrot, Marmelade und Kaffee) geht es dann schließlich los. Noch halten sich körperliche Blessuren und Abenteuerlust kameradschaftlich die Waage. Der erste Anstieg führt uns direkt hinter der Hütte, vorbei an einer Herde Alpenkühe,
gemächlich, aber stetig den Berg noch ein Stückchen hinauf zum Mädelejoch. Auf einer Höhe von 1844 m passieren wir hier die Grenze zwischen Deutschland und Österreich bzw. Bayern und Tirol. Einen großen Unterschied können wir noch nicht feststellen. Dennoch zeigt sich uns ein wunderschöner Ausblick unter wärmender Morgensonne.

Grenzstein zwischen Bayern (Deutschland) und Tirol (Österreich) | Foto: Ingmar Stehno

Wer gerne Landschaften fotografiert kommt hier voll auf seine Kosten. Das Höhenbachtal bietet den gesamten Abstieg über einen weiten Blick in die Ferne. Zahlreiche Male stoppen wir, um Fotos zu machen. Meine Kamerahalterung am Rucksack (Peak Design Capture Clip) will ich schon gar nicht mehr missen. Meine Spiegelreflexkamera merke ich trotz der knapp 2 kg Gewicht nicht beim Wandern und habe immer die Hände frei. Kann ich nur jedem empfehlen!
Vorbei an zahlreichen Zirbenfeldern und auf engen, teils steilen Pfaden steigen wir immer weiter den Berg hinab und können am Horizont schon unser erstes Ziel „Holzgau“ erahnen. Von hieraus soll uns dann das Bustaxi zu unserem eigentlichen Etappenziel nach Madau bringen. Diese Busfahrt mit einem kleinen Bustaxi wurde laut Reiseführer (E5 Oberstdorf – Meran/Bozen) empfohlen, da der lange Weg von Holzgau nach Madau eher unspektakulär und lang ist. Nach einer Weile machen wir Halt an der ersten Einkehrmöglichkeit. Wir sind schon ca. 1,5 Stunden unterwegs und lassen uns in „Cafe Uta“ ein Paar Wiener und eine hausgemachte Gulaschsuppe schmecken. Im Anschluss an die Stärkung machen wir uns wieder auf den Weg zur Hängebrücke an einem der wohl klarsten Flüsse entlang, die ich je gesehen habe.

Foto: Ingmar Stehno

Nach einer weiteren Stunde kommen wir schließlich an der ehemals längsten Hängebrücke Österreichs an. Auf gut 200 m Länge verbindet sie die beiden Hänge des Höhenbachtals. Auf der gegenüberliegenden Seite sehen wir gar einige Kletterer, die sich die Brücke sparen und an der Steilwand gen Tal klettern. Im kochend heißen Holzgau angekommen, besorgen wir Jenny ein neues Kopftuch mit UV-Schutz (Buff Tuch) gegen die Sonne und warten völlig durchgeschwitzt auf das Bustaxi. Natürlich werden hier mal wieder Bergschulen bevorzugt, so dass wir einige Minuten warten müssen, bis wir letztlich die etwa halbstündige Fahrt nach Madau antreten können.

Schließlich kommen wir an. Wir sind froh, dass wir, wie im Reiseführer empfohlen, das Bustaxi genommen haben. Der Weg wäre noch mal gut 2 Stunden zu Fuß gewesen und führte über eine geteerte Straße, die gerade so breit war, dass das Bustaxi darüber fahren konnte. Dass diese wenig Rücksicht auf die Wanderer dort nehmen, haben wir selbst auf der Fahrt gesehen. Wir waschen ein erstes Mal unsere Wäsche im Waschbecken auf unserem Zimmer und hängen die Wäsche draußen auf die Wäscheleine … inmitten eines traumhaften Tals. Wir sind umgeben von Bergkämmen und genießen den Sonnenuntergang.

Abends sitzen wir noch auf der Terrasse und stopfen uns voll mit Cordon Bleu und Pommes. Es ist das situationsbedingt beste Cordon Bleu, das ich je gegessen habe! Als der Wirt zum Schluss das Wort ergreift und uns Wanderern Tipps zur Route für den morgigen Tag verkündet, kreisen in unseren Köpfen erste Gedanken über die Etappe für morgen von Madau zum Württemberger Haus. Diese ist laut Wirt und Reiseführer die so ziemlich schwerste Etappe und ausdrücklich nur für geübte Wanderer empfohlen!

Hier geht es zu Teil 2

7 Gedanken zu “Auf dem E5 über die Alpen. Teil 1

  1. Das ist ein interessanter Bericht und eine tolle Leistung!
    Ihr seid aber nicht jetzt im Moment unterwegs, oder? Die Reise ist schon vorbei? Wenn ich aus dem Fenster schau, gehen selbst im Flachland große Mengen Schnee nieder, da würd ich nicht über die Alpen wandern wollen.

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  2. Eine tolle Wanderung! Sie sieht nach einem richtigen Abenteuer aus, das war bestimmt euer Highlight des Jahres. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung 😊🏔
    Ps: nächstes mal nehmt ihr wahrscheinlich Ohrenstöpsel zur Hüttenübernachtung mit 😉

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    1. Vielen Dank dafür! 🙂
      Es war definitiv unser Highlight des Jahres!
      Die Ohrenstöpsel hatte ich durchaus dabei, allerdings finde ich das immer nicht so berauschend „mit was im Ohr“ zu schlafen.
      Gut, selbst Schuld! 😀

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